15.05.2011, 16:14 h

St. Nikolai, Flensburg (D)

St. Nikolai beherbergte eine der bedeutendsten Renaissanceorgeln Norddeutschlands, die der dänische Hoforgelbauer Nicolaus Maaß von 1604 bis 1609 im Auftrag des dänischen Königs Christian IV. gebaut hat.

Das Instrument wurde von 1707 bis 1709 von Arp Schnitger in ein barockes Orgelwerk umgebaut und erweitert. Der 15 Meter hohe und 7 Meter breite Prospekt der Orgel ist ein Meisterwerk des Flensburger Bilderschnitzers Heinrich Ringeringk. Noch heute gehört dieser prachtvolle Prospekt mit seinem kunstvollen Schnitzwerk und dazugehöriger Orgelempore zu den Größten in Nordeuropa.

Planlose Umbauten seit 1920 hatten das alte Instrument zerstört. Von 1997 bis 2009 verwirklichte der international renommierte Orgelbauer Gerald Woehl aus Marburg hier ein ehrgeiziges Projekt. Weltweit zum ersten Mal entstanden hinter dem in der ursprünglichen Farbigkeit restaurierten Prospekt zwei Stilinstrumente:
Im historischen Gehäuse als unverzichtbares Erbe die Klanggestalt der Schnitgerorgel von 1709 mit deren spezifischen Wesensmerkmalen – mit alter, mitteltöniger Stimmung und lebendiger, gleichsam “atmender“ Windversorgung aus drei traditionellen Keilbälgen, geeignet zur authentischen Wiedergabe der Musik des norddeutschen Barock. Der Spieltisch (3 Manuale und Pedal) befindet sich am Hauptgehäuse auf der alten Orgelempore Ringeringks.
Dahinter steht eine symphonische Orgel mit den Merkmalen der großen romantischen Orgeln, mit moderner, gleichstufiger Stimmung. Deren „Lunge“ besteht aus 8 Magazinbälgen, die das große Instrument mit dem nötigen Wind versorgen und es ermöglichen, dass die Orgel vom zartesten Pianissimo bis zum grandiosen symphonischen Tutti mit homogener und melodiebetonender Klanglichkeit erklingt. Diese zweite Orgel besitzt einen eigenen, freistehenden Spieltisch (4 Manuale und Pedal) auf der unter der Orgelempore liegenden Sängerempore.
Nach ihrer Fertigstellung besitzt St. Nikolai nicht nur wieder die größte Orgel des Landesteils Schleswig, sondern ein in seiner Art einzigartiges Instrument: Zu sehen ist der als nationales Kulturdenkmal eingestufte Prospekt aus der Renaissance. Zu hören sind eine große norddeutsche Barockorgel nach dem Vorbild Schnitgers und ein symphonisch-romantisches Instrument, inklusive Fernwerk auf dem Dachboden über dem Altarraum. So spiegelt diese Orgel in ihrer Gesamtheit, mit ihrer einzigartigen Verbindung von historischem Erbe und moderner Neugestaltung, selbst die bewegte Orgelgeschichte der letzten 400 Jahre an St. Nikolai wider.

Text: Michael Mages

 

Composition der klassischen Orgel nach
der Disposition von Arp Schnitger 1709
III/42
Rückpositiv I
 

Principal 8′
Quintadena 8′
Gedact 8′
Octav 4′
Floit 4′
Octav 2′
Sexquialtera 2f.
Mixtur 5-6f.
Dulcian 16′
Baarpfeife 8′

Hauptwerk II
 

Principal 16′
Bordun 16′
Octav 8′
Rohrflöte 8′
Octav 4′
Nasat 3′
Super Octav 2′
Mixtur 5-7f.
Cimbel 3f.
Trommet 16′
Trommet 8′
Vox humana 8′

Brustwerk III
 

Floit dues 8′
Blockfloit 8′
Octav 4′
Octav 2′
Sieflit 1,5′
Waldfloit 2′
Rauschpfeife 2f.
Scharf 4f.
Dulcian 8′
Crumphorn 8′

Pedal
 

Untersatz 16′
Octav 8′
Octav 4′
Rauschpfeife 2f.
Mixtur 5-6f.
Nachthorn 2′
Posaunen 16′
Trommet 8′
Schalmey 4′
Cornet 2′

Koppeln: Brust-/Hauptwerk, 2 Tremulanten, 2 Cimbelsterne am Rückpositiv, Spielanlage am alten Platz zwischen den Rückpositiven und Hauptgehäuse. Umfang der Manuale: C-c“‘, Pedal: C-d‘, jeweils mit kurzer Oktave, Stimmung: modifiziert mitteltönig, mech. Spieltraktur, Hängetraktur), mechanische Koppel, klassisches Windsystem mit 3 Keilbälgen.

Composition der symphonischen Orgel

VI/64
Hauptwerk I
 

Principal 16′
Bourdon 16′
Octave 8′
Rohrflöte 8′
Flute harm. 8′ (1)
Gambe 8′
Octave 4′
Quinte 2 2/3′
Super Octave 2′
Mixtur 5-7f.
Cornet 5f. 4
Trompete 16′
Trompete 8′
Trompette 8′ (11)

Positiv II
 

Principal 8′
Quintadena 8′
Gedackt 8′
Octave 4′
Flöte 4′
Octave 2′
Sesquialtera 2f.
Mixtur 5-6f.
Dulcian 16′
Trompete 8′
Baarpfeife 8′
– Tremulant schwach

Schwellwerk III
 

Quintaton 16′
Viole de Gambe 8′
Voix céleste 8′
Flute trav. 8′ (1)
Bourdon 8′
Dulciane 4′
Flute octav. 4′ (2)
Piccolo 2′ (3)
Bombarde 16′
Trompette harmonique 8′ (5)
Clairon harm. 4′ (6)
Basson-Hautbois 8′
Vox humana 8′
-Tremblant forte

IV. Manual
 

Solo (7)

 

Grand Cornet 3-8f.
Tuba harm. 8′ 9

Fernwerk (10)

Quintatön 16′
Echo Bordun 8′
Dulciana 8′
Vox angelica 8′
Echogambe 8′
Traversflöte 4′
Harmonia aetheria 3f.
Vox humana 8′
Horn 8′
-Tremulant

Pedal
 

Groß Bourdon 32′
Principal 16′
Gedackt 16′ (8)
Octave 8′
Gedackt 8′ (8)
Octave 4′
Nachthorn 2′
Rauschpfeife 2f.
Mixtur 5-6f.
Bombarde 16′
Posaune 16′
Trompete 8′
Clarine 4′
Schalmey 4′
Cornet 2′

Koppeln:
 

II-I, III-I, IV-I, III-I
I Bass Oct.koppel, III-I Bass Oct.koppel
IV-I Bass Oct.koppel, IV-I Disc. Oct.koppel
II Bass Oct.koppel, III Bass Oct.koppel
IV Bass Oct.koppel, IV Disc. Oct.koppel
I-P, II-P, III-P, IV-P, IV-P Disc.-Oct.koppel

 

Appels:

Appel I
Appel II
Appel III
Appel P

Anmerkungen:
 

1) überblasend ab f’
2) überblasend ab c’
3) über blasend ab c
4) ab c’ hochgebänkt
5) ab c’’ doppelte Länge
6) ab c’ doppelte Länge
7) über dem Hauptgehäuse

8) aus Bourdon 32′
9) horizontal, auf dem Dach des Schwellwerks, vom Hauptgehäuse verdeckt
10) elektrisch angespielt, im Schweller auf Dachboden über dem Chorraum
11) à la francaise

Freistehende Spielanlage auf der Empore. Umfang der Manuale: C-a“‘, Pedal: C-f‘, Stimmung gleichschwebend, mech. Spieltraktur (Hängetraktur), mech. Koppeln, elektr. Registertraktur, Setzer, Appels für die Zungen auf allen Werken. Symph. Windsystem mit 8 Bälgen, 2mal unterteilt im Schwellwerk und den symph. Registern und Zungen im Hauptwerk. Fernwerk elektr., rechts oben im Chor, Windlade und Pfeifenwerk von Marcussen und Sauer.

St. Nikolai Kirche, Südermarkt, D-24937 Flensburg

Videregående links – Weiterführende Links:

Kirchengemeinde St. Nikolai

Orgelbauwerkstatt Gerald Woehl

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